Williams · 1980
Alien Poker

Der Alien Poker ist ein im Oktober 1980 von Williams Electronic Games veröffentlichter Flipperautomat, von dem insgesamt 6.000 Einheiten produziert wurden. Er gilt unter Sammlern als Meilenstein der System-6-Ära, da er das erste Gerät von Williams mit einer 7-stelligen Digitalanzeige war, was damals deutlich höhere Highscores ermöglichte.
Das Spiel versetzt dich in das Jahr 2080 auf einen fernen Planeten. Dort trittst du gegen drei sarkastische, menschenähnliche Außerirdische in einer Partie Poker um die Herrschaft über das Universum an. Das Artwork auf dem Backglass spiegelt diese düstere Sci-Fi-Atmosphäre wider und zeigt die Aliens beim Kartenspielen.
Das Herzstück des Flippers ist die geschickte Verknüpfung von Poker-Regeln mit klassischen Flipper-Elementen:
Das Fünfer-Drop-Target-Feld: In der Mitte des Spielfelds befindet sich eine Bank aus 5 Fallzielen, die einen Royal Flush (10, Bube, Dame, König, Ass) darstellen.
Das primäre Ziel ist es, diese Targets exakt in der richtigen Reihenfolge von rechts nach links (also von 10 bis Ass) abzuräumen. Trifft man die Karten in der richtigen Sequenz, baut sich ein “Bet Pull”-Bonus auf (bis zu 100.000 Punkte). Trifft man sie unkontrolliert durcheinander, sinkt der Wert und die Targets setzen sich zurück.
Wer den Royal Flush komplettiert, kann den Wert über die oberen Roll-Overs (“Kings”) und die vier “Joker”-Ziele um das bis zu 4-fache (maximal 400.000 Punkte) multiplizieren.
Über das Spielfeld verteilt sind drei Ass-Löcher bzw. Ziele. Trifft man alle drei, leuchtet ein Buchstabe des Wortes P-O-K-E-R auf. Schafft man es, das gesamte Wort zu buchstabieren, werden die lohnenden “Special”-Lichter an den Außenbahnen (Outlanes) aktiviert.
Der Alien Poker erschien in einer Übergangsphase der Flipperindustrie. Zu dieser Zeit dominierte der Konkurrent Bally mit Geräten wie Flash Gordon oder X’s & O’s stark den Markt. Williams hielt mit innovativer Elektronik, schnellen Kugel-Läufen und dem typisch markanten, synthetischen Sounddesign dagegen, das die frühen 80er-Jahre prägte. Ein bekannter Schwachpunkt des Geräts ist heute die Druckqualität des Backglass: Viele überlebende Modelle weisen eine abblätternde Grafik (“flaky backglass”) auf.
Alien Poker war ursprünglich als Multiball-Flipper geplant. Designer Edward Tomaszewski hatte das Spielfeld und die Software so konzipiert, dass mehrere Kugeln gleichzeitig im Spiel sein sollten. Williams entschied sich jedoch kurz vor dem Produktionsstart aus Kostengründen oder wegen des enormen Zeitdrucks im Jahr 1980 dazu, das Feature zu streichen und das Gerät als reinen Single-Ball-Flipper auf den Markt zu bringen. Die physischen Spuren dieses ursprünglichen Plans blieben jedoch auf dem Spielfeld sichtbar (z.B. in den Kugel-Auswurflöchern). In der weltweiten Flipper-Community existiert heute sogar ein inoffizielles „Software-Modding-Kit“, mit dem Sammler ihren Alien Poker nachträglich auf den eigentlich geplanten Multiball-Modus umrüsten können.
Die optische Gestaltung des Künstlers Tony Ramunni polarisiert die Flipper-Welt extrem. Auf US-Sammlerplattformen wie Pinside scherzen Spieler bis heute, das Artwork der Aliens sehe aus, als hätte es „ein Kleinkind in MS Paint gezeichnet“. Gleichzeitig loben Fans genau diesen trashigen, fast schon gruseligen Comic-Stil der frühen 80er-Jahre, der dem Flipper einen unverwechselbaren B-Movie-Charakter verleiht. Ein nettes Detail auf dem Spielfeld: Um das Glücksspiel-Thema im Weltall perfekt zu machen, werden auf der Grafik ganze Planeten als Poker-Chips verwendet. Im Jahr 1991 besuchte ein bekannter Flipper-Sammler die italienische Flipper-Fabrik Mr. Game. Dort traf er den Alien-Poker-Grafiker Tony Ramunni, der ihm ein ganz besonderes Werbegeschenk überreichte: Ein vollständiges Kartendeck im offiziellen Alien-Poker-Design. Diese Spielkarten wurden damals von Williams in den USA produziert und als Werbemittel an Händler verteilt. Heute gehören diese extrem seltenen Kartendecks zu den absolut gesuchtesten Sammlerstücken im Flipper-Bereich.
Technisch experimentierte Williams beim Alien Poker mit einer ungewöhnlichen Hardware-Konfiguration, dem sogenannten Double Action Flipper. Auf der rechten Seite besitzt das Gerät zwei Flipperfinger übereinander. Drückt man den Flipper-Knopf am Gehäuse nur ganz leicht an, bewegt sich zunächst nur der untere Flipperfinger. Erst wenn man den Knopf ganz durchdrückt, löst auch der obere Flipperfinger aus. Das gab Profis damals eine völlig neue taktische Tiefe bei der Kugelkontrolle, überforderte Gelegenheitsspieler in den Kneipen jedoch völlig.
Der historische Kontext macht Alien Poker zu einem tragischen Helden der Flipper-Geschichte. Er erschien im Oktober 1980 eingeklemmt zwischen den vier absoluten Mega-Blockbustern von Williams: Flash, Gorgar, Firepower und dem legendären Black Knight. Diese vier Geräte revolutionierten den Markt (unter anderem mit der ersten elektronischen Sprache und Multi-Level-Spielfeldern). Obwohl der Alien Poker im Vergleich zu diesen Giganten ein eher traditionelles Design ohne große mechanische Aufbauten hatte, schaffte er es dank seines süchtig machenden Gameplays auf eine stolze Produktionszahl von 6.000 Einheiten – ein echter Erfolg in einer Zeit, in der die meisten Flipper durch die Konkurrenz von Pac-Man und Co. kaum noch die 2.000er-Marke knackten.


