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Bally · 1982

Baby Pac Man

Baby Pac Man, Backglas

Baby Pac-Man ist einer der außergewöhnlichsten Automaten der Arcade-Geschichte. Veröffentlicht am 11. Oktober 1982 von Bally Midway, bricht das Gerät mit klassischen Konventionen und stellt eine Hybrid-Kreation aus Videospiel und Flipper (Pinball) dar.
Der geschichtliche Hintergrund: Anfang der 1980er Jahre erlebte die Videospielbranche durch Titel wie Pac-Man und Space Invaders einen gigantischen Boom. Klassische Flipperautomaten gerieten dadurch stark ins Hintertreffen, und die Einnahmen in den Spielhallen brachen ein. Um die Flipper-Sparte zu retten und das junge, videospielbegeisterte Publikum anzusprechen, entwickelte der Designer Claude Fernandez für Bally ein Experiment: Ein Gehäuse, das zur Hälfte aus einem Arcade-Monitor (oben) und zur Hälfte aus einem verkleinerten Flipper-Spielfeld (unten) bestand. Von diesem besonderen Hybriden wurden insgesamt 7.000 Einheiten produziert.

Das einzigartige Gameplay-Prinzip verbindet beide Welten auf eine Weise, bei der man ohne die jeweils andere Ebene nicht überleben kann:
Start im Videospiel. Das Spiel beginnt auf dem integrierten CGA-Monitor. Man steuert Baby Pac-Man mit einem zentralen Joystick durch ein Labyrinth. Der Haken: Es gibt anfangs keine Power-Pellets (Energizer) auf dem Bildschirm. Man ist den Geistern schutzlos ausgeliefert.

Flucht in den Flipper: Um Power-Pellets zu erhalten, muss der Spieler Baby Pac-Man durch zwei Fluchttunnel am unteren Bildschirmrand steuern. In diesem Moment schaltet das Spiel um: Eine echte Flipperkugel wird auf das physische Spielfeld geschossen. Auf dem verkleinerten Flipper-Feld (gespielt mit klassischen seitlichen Knöpfen) muss der Spieler nun verschiedene Ziele treffen.

Durch das Abräumen der Targets buchstabiert man das Wort “P-A-C-M-A-N” und verdient sich so die lebenswichtigen Power-Pellets für den Bildschirm.
Man kann die Tunnel-Geschwindigkeit von Baby Pac-Man erhöhen oder Früchte freischalten, die im Labyrinth für zusätzliche Punkte erscheinen.

Zurück zum Monitor: Sobald die Kugel ins Aus (Outlane/Drain) geht, wechselt das Geschehen sofort zurück auf den Monitor. Die erarbeiteten Power-Pellets sind nun auf dem Bildschirm aktiv, sodass man die Geister jagen und das Level beenden kann. Die Fluchttunnels zum Flipper bleiben jedoch so lange geschlossen, bis das aktuelle Level geschafft oder ein Leben verloren ist.

Das Gerät ist deutlich schmaler und kompakter als ein normaler Flipperautomat. Das Spielfeld besitzt kein klassisches oberes Cabinet mit Backglass, sondern stattdessen ein Gehäuse für einen vertikal verbauten 13-Zoll-Röhrenmonitor. Der Baby Pac-Man ist kein offizielles Namco-Produkt! Obwohl das Spiel auf der berühmten Pac-Man-Lizenz basiert, wurde es von Bally Midway in den USA eigenständig und ohne die direkte Autorisierung oder Entwicklung von Namco (dem japanischen Schöpfer von Pac-Man) entworfen. Namco akzeptierte das Spiel später jedoch zähneknirschend.

Der Wechsel zwischen dem schnellen, joystickgesteuerten Videospiel und der physischen Flipperkugel erforderte extremes Umdenken in Sekundenschnelle. Zudem war der Videospielteil für seine aggressive Geister-KI bekannt, weshalb das Spiel als echter “Quarter-Eater” (Geldschlucker) galt.

Eine technische Besonderheit ist die “Vidiot”-Platine: Da das Gerät zwei Welten vereint, besitzt es eine komplexe Elektronikarchitektur. Bally entwickelte hierfür das sogenannte Vidiot-Board (Vidiot Module AS-2518-121), das die Videosignale und den Sound steuerte und mit der klassischen Flipper-MPU kommunizierte.

Da die Elektronik sehr anfällig für Defekte war (insbesondere Säureschäden durch alte Batterien auf den Platinen) und viele Geräte in Europa aufgrund des geringeren Erfolgs verschrottet wurden, ist ein funktionierendes Baby Pac-Man heute eine absolute Rarität und ein begehrtes Sammlerstück.

Bally versuchte das Konzept ein Jahr später noch einmal mit dem Spiel Granny and the Gators (1983) zu wiederholen, allerdings blieb Baby Pac-Man der wesentlich bekanntere und populärere der beiden produzierten Hybriden.

Rund um die Entwicklung, das Design und das Erbe von Baby Pac-Man gibt es einige faszinierende, skurrile und humorvolle Anekdoten aus der goldenen Ära der Spielhallen:

Der Schöpfer mochte es nicht (weil er zu große Hände hatte). Als der legendäre Pac-Man-Erfinder Toru Iwatani von Namco das fertige Gehäuse zum ersten Mal sah, lobte er das Design höflich als „sehr hübsch und niedlich“. Als er es jedoch testete, kam das dicke Aber: Er beschwerte sich schmunzelnd, dass das Flipper-Spielfeld viel zu klein für seine Hände sei und er beim Spielen überhaupt keinen Komfort spüre.

Die Geister scheren sich nicht um die Regeln! In der Flipper- und Arcade-Community genießt das Spiel einen berüchtigten Ruf für puren Frust. Der Grund ist eine bewusste Missachtung der Programmierregeln durch die Entwickler: In den regulären Pac-Man-Spielen bewegen sich die Geister nach einem festen, deterministischen Muster und können sich in Gängen niemals plötzlich umdrehen – sie müssen immer erst eine Kreuzung erreichen. Bei Baby Pac-Man war den Entwicklern das egal: Um das Spiel schwerer zu machen, drehen die Geister im Labyrinth jederzeit völlig unvorhersehbar um und der rote Geist (Blinky) ist sogar schneller als die Spielfigur selbst. Ein Albtraum für Profis, die auf feste Routinen setzten…

Namenschaos und das Problem mit unehelichen Kindern. Die Entstehungsgeschichte der Pac-Man-Familie ist eine Aneinanderreihung von rechtlichen Grauzonen. Ms. Pac-Man (entwickelt von MIT-Studenten) wurde von Midway hastig von „Pac-Woman“ in „Miss Pac-Man“ umbenannt. Kurz vor dem Release fiel den Marketing-Leuten jedoch auf, dass in den animierten Zwischensequenzen am Ende ein Storch ein Baby bringt. Man bekam Panik, dass eine „Miss“ (unverheiratete Frau) ein uneheliches Kind bekommt, was im konservativen Amerika von 1981 einen handfesten Skandal hätte auslösen können. Also änderte man den Namen hastig in Ms. Pac-Man. Das Kuriose: Das Baby aus dieser Sequenz hieß offiziell „Junior“. Als Bally Midway 1982 ohne Namcos Erlaubnis Baby Pac-Man erfand, war die Verwirrung perfekt. Um die Marke nicht komplett zu ruinieren, wurde ein Jahr später das Spiel Jr. Pac-Man veröffentlicht – welches in der Entwicklung eigentlich Pac-Baby heißen sollte, aber wegen des Flipper-Hybriden umbenannt werden musste. Die Community scherzt bis heute darüber, dass Verhütung in „Pac-Land“ wohl ein Fremdwort war.

In fast jedem Ableger der Reihe haben die berühmten Geister (Blinky, Pinky, Inky und Clyde) ihren großen Auftritt, oft mit Namens-Vorstellungen auf dem Startbildschirm. Baby Pac-Man ist eines der ganz wenigen Spiele der Reihe, in dem die Geister weder im Spiel noch im offiziellen Werbematerial jemals beim Namen genannt werden. Da das Spiel ohne die Lizenz von Namco gebaut wurde, wollten die Entwickler bei Bally wohl nicht noch mehr rechtlichen Ärger provozieren.

Die Videospiel-Komponente des Automaten wurde unter extremem Zeitdruck programmiert. Der Entwickler Bill Adams griff dabei zu einem Trick: Anstatt den Code komplett neu zu schreiben, recycelte er die Software eines nie veröffentlichten Pac-Man-Prototypen (Codename: Munchie), der ursprünglich für die Heimkonsole Bally Professional Arcade gedacht war, aber nach dem Rechtsstreit mit Namco tief in den Archiven vergraben wurde.

Baby Pac Man, Backglas
Backglas · Zoom
Baby Pac Man, Spielfeld
Spielfeld · Zoom
Baby Pac Man, Maschine
Maschine · Zoom