Flipper → Gottlieb

Gottlieb · 1978

Joker Poker

Joker Poker, Backglas

Der Joker Poker ist ein absoluter Flipper-Klassiker, der im Juni 1978 von D. Gottlieb & Co. auf den Markt gebracht wurde. Er gilt unter Sammlern und Enthusiasten als eines der besten Geräte der sogenannten System 1-Ära (Gottliebs erste Generation von vollelektronischen Solid-State-Flippern).

Das asymmetrische und farbenfrohe Spielfeld-Layout wurde von der Flipper-Legende Ed Krynski entworfen. Er war für unzählige wegweisende Gottlieb-Designs verantwortlich. Die auffällige und charmante Grafik stammt von Gordon Morison. Das Backglass zeigt das für Gottlieb typische, augenzwinkernde Motiv: Drei fröhliche „Jokeretten“ im bunten Kartenregen. Das gesamte Gehäuse- und Spielfelddesign spiegelt das klassische Casino- und Poker-Thema wider.

Der Joker Poker steht genau an der historischen Schwelle zwischen zwei Flipper-Technologien. Daher existiert er in zwei grundlegend verschiedenen Versionen. Die weitaus am häufigsten produzierte Version arbeitet digital mit Mikroprozessoren (Gottlieb System 1) und verfügt über digitale Segmentanzeigen. Von dieser elektronischen Variante wurden knapp 10.000 Einheiten gebaut. Für Märkte, die der neuen Digitaltechnik noch misstrauten, brachte Gottlieb eine klassische, elektromechanische Version mit mechanischen Zählwerken heraus. Diese ist extrem selten, da davon nur 820 Stück produziert wurden.
Im Gegensatz zu späteren Modellen mit echten Soundboards besitzt der originale Joker Poker noch ein mechanisches Glockenspiel (Chime Unit), was ihm einen unverwechselbaren, nostalgischen Klang verleiht.
Das Spielprinzip zieht seine Faszination aus einer extrem hohen Anzahl an Drop Targets (Fallzielen). Insgesamt sind 15 Drop Targets verbaut, was das Spielfeld zu einer echten Herausforderung macht. Ziel ist es, durch das Abschießen der verschiedenen Zielbänke Poker-Hände mit steigender Wertigkeit zu vervollständigen. Es gibt eine 5er-Bank (Asse), eine 4er-Bank (Könige), eine 3er-Bank (Buben), eine 2er-Bank (Damen) und ein einzelnes Zehner-Target. Das Spiel fordert taktisches Geschick. Je nachdem, welche Kugel im Spiel ist (Ball 1, 2 oder 3), müssen bestimmte Kombinationen getroffen werden, um den wertvollen 5x-Bonus-Multiplikator freizuschalten. Zu Beginn jeder Kugel landet die Kugel nicht im klassischen oberen Bereich zwischen den Schlagtürmen (Pop Bumpers), sondern rollt durch die Alphabet-Lanes (A-B-C). Werden diese komplettiert, beleuchtet das den Weg für einen Extra Ball. Das Gerät besitzt drei Flipperfinger – zwei normale unten und einen kleinen Mini-Flipperfinger im oberen Bereich, mit dem man gezielt die Asse-Bank ins Visier nehmen kann. Das Spiel ist für bis zu 4 Spieler ausgelegt. Obwohl fast 10.000 elektronische Geräte gebaut wurden, sieht man den Joker Poker heute gar nicht mehr so oft im Originalzustand. Die damaligen System-1-Platinen von Gottlieb gelten als anfällig für Säureschäden durch auslaufende Akkus.

Das von Gordon Morison gezeichnete Backglass zeigt drei leicht bekleidete Hofdamen (Jokeretten) im Kartenregen. In der Flipper-Szene gibt es seit Jahrzehnten einen Running Gag bezüglich der Dame auf der linken Seite, die sich leicht nach vorne beugt. Wenn man genau hinsieht, fällt eine Spielkarte in einer sehr speziellen, anatomischen Kurve an ihrem Rücken vorbei. Sammler scherzen seit den späten 70ern gerne darüber, dass Gottlieb hier ein humorvolles „Easter Egg“ eingebaut hat und die Karte „direkt aus ihrem Allerwertesten entspringt“. Typisch für das augenzwinkernde, leicht anzügliche Design der späten 70er-Jahre!

Wenn man unter das Spielfeld blickt, stößt man auf eine technische Skurrilität, die aus reinem Spardrang geboren wurde. Der Joker Poker besitzt bekanntlich Zielbänke für Asse (5), Könige (4), Damen (3) und Buben (2) sowie eine einzelne 10er-Karte. Um Produktionskosten für eine zusätzliche Spule (Coil) einzusparen, verband der Designer Ed Krynski den Mechanismus der Buben-Bank (Jacks) und des einzelnen 10er-Targets mechanisch miteinander. Das bedeutet: Immer wenn die Buben-Bank resettet und wieder hochgedrückt wird, wird die 10er-Karte automatisch mit hochgeschossen – und umgekehrt. Ein cleverer Kniff der damaligen Ingenieurskunst.

Wie schon erwähnt, baute Gottlieb 820 Einheiten als elektromechanische (EM) Version. Da diese Flipper genau zur Zeitenwende gebaut wurden, kam es zu einer absurden Situation in den Fabriken: Gottlieb hatte die Produktion eigentlich schon komplett auf die digitalen System-1-Platinen umgestellt. Weil aber Großkunden (vor allem aus Europa) Angst vor der unzuverlässigen Elektronik hatten, mussten die Fließbänder im Werk Chicago im Juni 1978 kurzzeitig „rückwärts“ laufen. Die Arbeiter mussten die bereits modernen Gehäuse händisch wieder mit tonnenschweren Kabelbäumen, Relaisbänken und mechanischen Zählwerken vollstopfen. Heute gilt diese EM-Version als der „Heilige Gral“ unter Gottlieb-Sammlern und erzielt absurde Preise, weil sie das absolute Ende einer Ära markiert.

Joker Poker, Backglas
Backglas · Zoom
Joker Poker, Spielfeld
Spielfeld · Zoom
Joker Poker, Maschine
Maschine · Zoom